Kamikaze am Atomkraftwerk Saporischschja

Aufnahme aus einem Fotowettbewerb der Beschäftigten des AKW Saporischschja. Die Preisverleihung ist auf Youtube (Screenshot) zu sehen.

Die Wiener Atomenergiekommission (IAEO) ist seit Tagen wegen der Berichte über die jüngsten Kämpfe um das ukrainische Atomkraftwerk alarmiert. Generaldirektor Rafael Mariano Grossi: Es dürfe zu keinem Unfall kommen, die IAEO müsse so bald wie möglich das AKW aufsuchen. „Es ist dringend”. Sein Plan: ein Abkommen über einen Cordon sanitaire für Atomkraftwerke. Im Detail: Die Unterzeichner verpflichten sich, diese Anlagen im Kriegsfall nicht anzugreifen oder zu beeinträchtigen. Dazu hat er „sieben Säulen” definiert. Nur wenn alle beachtet würden, werde das AKW sicher betrieben. Jedoch: Alle diese Regeln würden im AKW Saporischschja verletzt, erklärte der IAEO-Direktor. Das Entscheidende: Bis jetzt hat keine Regierung auf seinen Vorschlag reagiert. Der deutsche Kanzler, die Außenministerin, die EU-Kommissionspräsidentin, alle, die sonst so beredt sind, schweigen bisher zu diesem Vorschlag. Wie gefährlich die Lage ist, zeigt die folgende detaillierte Schilderung.

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Bleiben die Massen aus, können Radikalität und Sektierertum zum Ersatz werden

Bild: geralt auf Pixabay

Ich habe das Gefühl, für eine große Minderheit besteht die Katastrophe in Dürre, Hitze und der Tatsache, dass unverändert Vielflieger und rasende Autofahrer das Klima ruinieren. Und für die anderen, die große Mehrheit, besteht die Katastrophe darin, dass sie für ihren Flug nicht pünktlich abgefertigt werden. So Wolfgang Storz im Interview mit dem Bewegungs- und Protestforscher Dieter Rucht, der dazu sagt: “So ist es. Anzeichen einer Spaltung sind unverkennbar, wenngleich hierzulande noch keine Verhältnisse wie in den USA herrschen.” Die Stiftung “Oneworryless” hatte am 6. August unter anderem in Hamburg, München und Berlin dazu aufgerufen, die Aktion #IchBinArmutsbetroffen über das Internet hinaus auf Straßen und Plätzen sichtbar zu machen.

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Klima to go

Intromusik: terrasound.de

Baumarkt-Prospekte versprechen in diesen Hitzewellen-Wochen „einen Hauch von frischer Luft zu einem unschlagbaren Preis. Unsere Klimageräte retten Sie.“ Klima to go gibt es, attraktiv verpackt, im Sonderangebot, solange der Vorrat reicht. Aus Problemen ein Geschäft machen und dabei technische Lösungen zu günstigen Preisen in Aussicht stellen, genau so arbeiten und leben wird doch. Was das Klima dazu sagt, weiß extra 3: Hallo Mensch, hier spricht dein Klima. Aber vielleicht hören Sie erstmal in den Podcast rein.

Geschrieben und gesprochen von Joe Kerr

Weitere Folgen von ‘Auch das noch!‘ zum Hören gibt es hier, wer nachlesen möchte, findet hier einen monatlichen Rückblick.

Mit Atomkraft den explosivsten Weg wählen

Allein eine zeitlich begrenzte Tageslektüre aktueller Medien, kaum länger als zwei Stunden an diesem Samstag, belegt, wie explosiv und geistig begrenzt jegliche Überlegung ist, Atomkraftwerke länger laufen zu lassen. Vier Nachrichten, die Streckbetriebs-Propagandisten als ideologisch fixiert und/ oder interessenborniert erscheinen lassen.

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Nuklearindustrie: Geht nicht, gibt’s nicht

Über den Atomenergie-Experten Friedrich Merz, nebenberuflich CDU-Vorsitzender, schreibt Spiegel-Online: “Merz berichtete, man sei ‘im Kern des Reaktors gewesen’ und habe sich die Technik angeschaut. Er sei für sich und die Bundestagsfraktion zum Ergebnis gekommen, dass der Weiterbetrieb eines solchen Kernkraftwerkes technisch, personell und rechtlich möglich sei.” Die Rede ist vom Atomkraftwerk Isar 2, das Merz zusammen mit Markus Söder gerade besucht hat. Die Chefs der Unionsparteien werben seit Wochen für eine Laufzeitverlängerung der verbliebenen Atommeiler. 

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Wer zahlt für all die Medien?

Kurt Günther (1893-1955) Der Radionist. Neue Nationalgalerie Berlin (Foto: Fabian Arlt)

Eine anschlussfähig gedachte Fortsetzung zu Dieter Pienknys Befürchtungen um den hiesigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit kurzen Kommentaren zu Gebührenmodellen, Macrons Hektik, Unterdrückungslogik, Aufklärung statt Fake News, Verantwortlichkeiten und langfristigen Medienentwicklungen. Und die Pointe? Es mutet dann doch schon verwunderlich an, dass es den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk überhaupt noch gibt.

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Das Dilemma der ARD: wenn „Unfehlbarkeit“ zum Hemmschuh wird

Screenshot: ARD-Website

Nicht nur die Despoten und Autokraten in Russland, der Türkei oder Belarus verbieten oder drangsalieren in diesen Zeiten die Medien. Auch ausgewiesene Demokratien scheuen sich nicht, Druck auf Medienredaktionen auszuüben. In Frankreich hat nach der Nationalversammlung jetzt auch der Senat dem Regierungsplan zugestimmt, die Rundfunkgebühren zu streichen. Das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem, vollmundig in Sonntagsreden als Teil der DNA einer Demokratie bezeichnet, steht überall unter Legitimationsdruck, auch in Großbritannien und in Deutschland. Eines der größeren Probleme hierzulande stellt allerdings die ARD selbst dar.

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Barrierefreiheit und Teilhabe, weit ist der Weg

In meiner Heimatzeitung, im Bonner General-Anzeiger, fand ich einen vierspaltigen Korrespondentinnen-Bericht der Deutschen Presseagentur („Aufregung um Layla“) über einen „Partyhit“ mit diskriminierender, sexistischer Ballermann-Lyrik, der tagelang ein großes öffentliches Thema war.
Diskriminierend und wirklich beängstigend zugleich fand ich den Sachverhalt, den General-Anzeiger-Redakteurin Silke Elbern einige Zeit vorher beschrieb: Lediglich 30 Prozent der Haltestellen im Stadtbereich Bad Godesberg seien barrierefrei umgerüstet. Noch deutlich weniger als zum Beispiel im zentralen Teil der Stadt Bonn, wo es knapp 47 Prozent seien. Warum beängstigend? Weil nach dem geltenden Recht die Verpflichtung bestand, bis zum 1. Januar 2022 den öffentlichen Nahverkehr komplett barrierefrei zu gestalten.

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Resümee zum 9-Euro-Ticket: Licht und Schatten

In meinem Beitrag „9 Euro Ticket – ein Desaster mit Ansage“  habe ich vor der Einführung gewarnt. Begründung: Völlige Überlastung des Schienenverkehrs bis hin zu möglichen Katastrophen, die das Gegenteil von Werbung für „mehr Bahn“ bedeutet hätten. Aber meine Zwischenbilanz nach zwei Monaten lautet: Politisch überwiegt das Licht bei diesem zeitlich begrenzten Großversuch.

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Vorsicht Schlachtenbummler!  

Intromusik: terrasound.de

Auf dem Feld agieren 22 Spielerinnen, eine Schiedsrichterin und der Zufall. Drumherum fiebern 90.000 Leute im Wembley-Stadion plus viele Millionen Menschen vor Bildschirmen dem Ereignis entgegen, dass ein Ball eine weiße Linie überquert. Alles Geld, das dabei eingespielt wird, der ganze Kampf um den Sieg – „wir geben alles“ – können das Spiel nicht kleinkriegen. Das ganze Bohei um das EM-Finale in Wembley verdankt sich der Tatsache, dass der Ball rund ist: „Die Unsterblichkeit des Ballspiels beruht auf der freien Allbeweglichkeit des Balles, der gleichsam von sich aus das Überraschende tut.” (Hans-Georg Gadamer)

Geschrieben und gesprochen von Joe Kerr

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Woher weiß der Zufall, wie er es will?

“Wir Menschen sind stets mehr unsere Zufälle als unsere Wahl“1, stellt der Philosoph Odo Marquard fest und rechtfertigt damit eine gern verdrängte Störung des absichtsvollen Lebens. „Hufeisen bringen Glück, auch wenn man nicht daran glaubt.“ Für den Nobelpreisträger Niels Bohr, dem dieses Zitat zugeschrieben wird, war der Zufall in der Mikrophysik allgegenwärtig. Doch nicht nur die Wissenschaften hadern mit dem Zufall. Zufälle sind weder logisch, noch kann man ihnen für den Verlauf der Geschichte etwas Vernünftiges abgewinnen. Sie stören einfach den hegelianischen Weltgeist, passen nicht ins Konzept und halten uns ab vom Geplanten. Schließlich betreibt niemand ein Geschäft, um dann wegen einer grassierenden Infektion monatelang zu schließen. Was ist zu halten von den Störungen der Lebensentwürfe in Zeiten der Corona-Pandemie?

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Waffenstillstand fordern? Gut gemeint, nicht durchdacht

Wir haben, Herr Wittkowsky, etwa Mitte März mit Ihnen zum Krieg Russlands gegen die Ukraine ein Interview geführt. Was hat sich seither an Ihren Einschätzungen verändert? Fangen wir mit den militärischen Kräfteverhältnissen in der Ukraine an.

Andreas Wittkowsky: Russland hat den Schwerpunkt seines Angriffs in den Osten verlagert, nachdem der Blitzkrieg gescheitert ist, mit dem die ukrainische Führung in Kyiw „enthauptet“ und das Land verteidigungsunfähig gemacht werden sollte. Seitdem sind die Opfer sowohl für die Angreifer als auch die Verteidiger sehr hoch. Die ukrainischen Stellungen wurden und werden unter massivsten Artilleriebeschuss genommen, wobei die russische Armee ihre Feuerkraft voll ausspielen kann. Obwohl sich die Ukraine verbissen verteidigt, mussten sich ihre Truppen nach und nach zurückziehen.

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Zorn, der Geschichte macht

Es sieht aus wie ein schmales, schwarzes Notizbuch. Und Notizen, Beobachtungen und nachdenkliche Überlegungen sind es, die James Baldwin aufgeschrieben hat. Seinen Essay „Fremder im Dorf“ schrieb er 1955 in Leukerbad. Die Mutter seines Freundes hatte ihm ihr dortiges Chalet zur Verfügung gestellt. Mit einer Schreibmaschine im Gepäck zog der schwarze New Yorker mit Pariser Adresse in das Thermalbad: „Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, hatte vor mir kein schwarzer Mann dieses kleine Dorf in der Schweiz jemals betreten.“ So beginnt Baldwin seinen Essay, der vor zehn Jahren erstmals in deutscher Übersetzung in der edition sacré in Zürich erschienen ist. Ohne Seitenzahlen und eine ISBN-Nummer. Und doch ein kleines, wertvolles Fundstück zum Thema Zorn der Schwarzen, der Minderheiten in den USA, Europa und weltweit [… in diesen Tagen, in welchen ein Papst Kanada besucht, um sich bei der indogenen Bevölkerung für seine Kirche zu entschuldigen].

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Macht hat, wer warten (lassen) kann  

Intromusik: terrasound.de

Andere warten zu lassen, sendet eine eindeutige Botschaft: Ich habe gerade Wichtigeres zu tun, du bist noch nicht dran. Wer eine solche Demonstration nötig hat, leidet offenkundig unter dem Eindruck, dass seine eigene Wichtigkeit unterschätzt wird. Da haben sich in diesen Tagen in Teheran die zwei Richtigen getroffen. Wer, wie Putin, den Papst und die Queen warten lässt, und wer, wie Erdogan, Putin warten lassen kann, muss nun wirklich der größte amtierende Herrscher seiner Zeit sein… oder eben ein ganz besonderer Vollpfosten.

Geschrieben und gesprochen von Joe Kerr

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Kultur ist Luxus. Wer braucht da noch Systemrelevanz?

Deutschland wird von dringlichen Themen getrieben. Die documenta hat sich in der Top-Liste erfolgreich nach vorne geschoben. Wie sie das geschafft hat, darum müssten sich Medienwissenschaftler:innen kümmern. Ich äußere provisorisch den Verdacht, dass Medieneffekte eine vehemente Rolle gespielt haben, die die Klärung von Relevanz über Medieneffekte hinaus behindert haben. Jenseits des politischen Gewichts des „Skandals“ wurde wie erwartbar in Kassel auch wieder über die „Systemrelevanz“ von Kunst & Kultur diskutiert. Reden wir nicht über die dabei unterstellte Identität von “Kunst” und “Kultur”. Das wird gerne in einen Topf geworfen. Ich tue das hier auch, verrühre sie aber hoffentlich nicht zu einem Brei. Die bekannte Ausgangslosung der Kunst-Kultur-Relevanz-Diskussion: „Kaum jemand bestreitet wohl, dass Kultur wesentlich ist für eine vitale Demokratie und Zivilgesellschaft.“ (mittendrin-kassel.de, ganz aktuell) Genau das möchte ich hiermit bestreiten. Nicht vehement – Emotionalisierung gibt es schon genug -, eher unbefangen begründend und zu Widerspruch animierend.

Kultur ist, wenn… 01
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bruchstücke