Viren den Hütten, den Villen Gesundheit

Das Virus hat auch was Gutes, ist es doch so demokratisch. Für alle ist es gleich gefährlich, es interessiert sich nicht für den Kontostand, es nimmt keine Rücksicht auf den sozialen Status. So wurde von Anfang an und bis noch vor wenigen Monaten allerorten gesprochen. Obwohl alle von Anfang an wissen konnten, dass das Gegenteil richtig ist. Gerade in Pandemiezeiten gehören Arme mit zu den Gefährdetsten, Wohlhabende wesentlich weniger. Studien, die das für diese Pandemie belegen, gibt es bereits seit Sommer 2020. „Die vierte Welle hat begonnen“ sagt das Robert-Koch-Institut und die Bild-Zeitung munitioniert die Verschwörerquerfront: „Bild entlarvt neue Corona-Panikmache. Horror-Papier vom RKI“. Ein geeigneter Zeitpunkt, an die soziale Frage zu erinnern.

“Auf dem Kölnberg” leben rund viertausend Menschen auf einer Fläche von zwei Fußballfeldern. Immer wieder wird die Siedlung zum Coronahotspot, berichtet der WDR (Screenshot)
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Ein Stück Aufklärung als Podcast: Über den Verschwörungsphantasten Ken Jebsen

Screenshot von der rbb-Website

Wie er auf der Krim mit Hilfe seiner russischen Kontakte große Geschäfte machen wollte, was er mit einem prominenten Rechtsradikalen in den USA zu tun hat, wie viel hunderttausend Euro er von Youtube bekam, bevor er (wie Trump auf Twitter) ausgesperrt wurde, was seine damaligen Kolleginnen und Kollegen über den Radiomoderator Jebsen sagen, als er noch für den Rundfunk Berlin Brandenburg arbeitete – der sechsteilige Podcast „Cui boni: What the fuck happened to Ken Jebsen?“ liefert Antworten vor dem Hintergrund der rechtsradikalen Mobilmachung im Internet . Dass der Verschwörungsideologe Jebsen in dem Podcast, wie es ein dummer Sprachgebrauch will, durchgängig Theoretiker genannt wird, ist aus meiner Sicht der einzige Mangel an diesem mit bester journalistischer Professionalität produzierten Stück Aufklärung. „Cui Bono“ ist eine Koproduktion von Studio Bummens, NDR, rbb und K2H. Florida Film hat inzwischen eine Verfilmung des Podcasts angekündigt. Als ergänzende Lektüre eignet sich “‘Querfront’. Karriere eines politisch-publizistischen Netzwerkes“, eine Studie der Otto Brenner Stiftung.

Notfalls wird Alexa* lügen, um mein Gesicht zu wahren

Screenshot aus dem Trailer zu “Herr Puntila und sein Knecht Matti” von Bertolt Brecht im Düsseldorfer Schauspielhaus

Eine neue Dienerkultur – nicht Dienstleistungskultur! – breitet sich aus. Zum Beispiel wächst die Zahl von Lieferdiensten wie Lieferando, Delivery Hero, Foodpanda oder Wolt. Das Geschäftsmodell „Essenslieferung per App“ ist ökonomisch erfolgreich. Auch die Zahl der Kund:innen nimmt zu, die Arbeiten wie putzen und selbst kochen lieber outsourcen. Entstanden ist eine neue Klasse unterbezahlter Helfer.[1]  Der Soziologe Andreas Reckwitz zählt sie zur „prekären Klasse“.[2] Die zwischenmenschlichen Arbeitsbeziehungen sind teilweise hochproblematisch. Wie steht es um die Beziehungen zwischen Mensch und Maschine?

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Wer wagt das erste Machtwort gegen den Wachstums-Wahn?

Fotos: wikimedia commons (links), Hermann auf Pixabay (rechts)

Um was geht es bei den vielen Dürre- und Hitzemonaten (2018, 2019) und Wassermassen (heute)? Um besseren Katastrophenschutz, um die Rückkehr in die 1950er Jahre mit Sirenen? Nein, es geht um das, was die Politik verschweigt und mit keinem Satz konkret zu erwähnen wagt: Nach welch tiefen Einschnitten in den Alltag der Wirtschaft, der Produzentinnen und der Konsumenten, diese bis jetzt kleinen Katastrophen schreien. Wegen vordergründiger Industrie- und Konsuminteressen wurden wertvolle Jahre Zeit verplempert.
Allgemeine Ziele verschleiern die Dramatik, eine Vorstellung vom neuen Alltag bringt sie nahe. Ein Haushalt (zwei, drei Menschen) mit diesem Lebensstil: täglich Fleisch, ein, zwei, drei Autos im Besitz, pro Jahr zwei bis vier Urlaube via Billigflieger, gemäß der jeweiligen Konzern-Werbeansage notfalls mehrfach im Jahr neue Kleider, Möbel, Laptops, Iphones kaufen und so weiter — dieser Haushalt muss diesem Lebensstil entsagen oder das Vielfache dafür zahlen.

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Covid-Tests: Ach Kind, du hast leicht reden

Foto: Maskmedicare auf Unsplash

Die Corona-Testzentren offenbaren, was im Kapitalismus schiefläuft. Das erkennt doch jedes Kind. Hoffentlich wird sich dann noch irgendwer erinnern – irgendwann in der Zukunft, wenn ein heute noch nicht geborenes Kind fragt, warum denn eigentlich alles so schlecht funktioniert hat, damals im Kapitalismus des frühen 21. Jahrhunderts. Als anschauliche und ziemlich kindgerechte Antwort böte sich an, die Geschichte der Covid-Teststrategie zu erzählen.

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Wie geht es Fridays for Future, Herr Rucht?

Haben die Black Fridays mehr Zukunft als die Fridays for Future?
Foto (links): Ashkan Forouzani auf Unsplash

Fridays for Future hatte großen Einfluss auf das Agenda Setting der Medien, sagt der Bewegungsforscher Dieter Rucht im bruchstücke-Interview. Verzögert und abgeschwächt flössen nach und nach die Forderungen der Bewegung nun auch in politische Entscheidungsprozesse ein. Aber FfF werde kein wichtiger Faktor im Bundestagswahlkampf sein. Dieter Rucht ist Mitglied des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung und Senior Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Wolfgang Storz hat die Fragen gestellt.

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“So was haben wir noch nie gesehen!” DOCH

Nachdem die spontane Betroffenheit angesichts der Bilder aus Bad Neuenahr, Bad Münstereifel und Euskirchen verflogen ist, stellt sich erst Bitternis ein. Und dann der Zorn. Denn nichts an dem Ereignis, an den Bildern, am Ausmaß der Schäden, am Leid der Menschen ist wirklich überraschend. Seit Jahren sehen wir mit wohligem Gruseln die Bilder aus unserer Nachbarschaft, aus Südfrankreich, Norditalien und der Schweiz: Starkregen, reißende Bäche, Erdrutsche, purzelnde Autos, Opferzahlen und Milliardenschäden. Ja, haben wir wirklich geglaubt, all das würde uns nicht betreffen?

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Glückliche Jäger, frohe Sammlerinnen

Getriebene Gewinnjäger, gestresste Geldverdienerinnen “im krankhaften Klammergriff der Arbeit”
Bild: geralt auf Pixabay

Haben Menschen viele Jahrtausende lang als Jäger und Sammlerinnen weitaus glücklicher gelebt als die Kontoinhaber:innen und Online-Shopper:innen zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Oder geht es uns Heutigen trotz sozialer Klüfte und ökologischer Krisen wesentlich besser als unseren unzivilisierten Vorfahren?
Beiseite gelassen, dass es ziemlich daneben ist, auf solche Fragen brauchbare Antworten zu erwarten – Erzählmuster lassen sich erkennen: In den Freudengesängen über Wachstum und Wohlstand kommen ur- und frühzeitliche Menschen nur als mühselige, beladene und kurzlebige vor. Klagelieder über tiefe Ungerechtigkeiten und drohende Untergänge der Moderne haben dagegen häufig eine Schlussstrophe, die das einfache, unbeschwerte, nachhaltige Dasein längst vergangener Zeiten bejubelt. „Sie nannten es Arbeit. Eine andere Geschichte der Menschheit“, geschrieben von dem Sozialanthropologen James Suzman, gehört zur zweiten Fraktion. Davon unabhängig: Das Buch ist ungewöhnlich und anregend, weil es Biologisches und Soziales progressiv verbindet, nicht reaktionär wie viele andere, Rassisten an der Spitze.

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(N° 17) Rassismus in der Fankurve

Bild: links: Alexander Heflik, rechts: Erwin Kostedde | Intromusik: terrasound.de

Ein Gespräch über Fussball, Rassismus damals und heute, den ersten schwarzen deutschen Nationalspieler — Wolfgang Storz interviewt Alexander Heflik, Autor einer Biografie über Erwin Kostedde, der in 219 Bundesligaspielen 98 Tore erzielte und in den 1970er Jahren drei Mal in der Nationalelf spielte.

Erwin Kostedde – Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler
von Alexander Heflik

Verlag : ‎  Die Werkstatt; 1st edition (14 May 2021)
Sprache ‏: ‎Deutsch
Seitenzahl : 208 Seiten
Hardcover ‏: ‎ 19,90€
E-Book : 16,99€

Gewalt gegen Frauen: Deutsche Täter sind in den Medien nur Einzelfälle

Ob Redaktionen so etwas selbst merken? Wenn nicht, klärt sie eine Studie der Otto Brenner Stiftung, erarbeitet von der Mainzer Kommunikationswissenschaftlerin Christine E. Meltzer, darüber auf: In der medialen Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen macht es einen Unterschied, ob es sich um deutsche oder nichtdeutsche Tatverdächtige handelt.
„Statistisch gesehen ist die gefährlichste Person für eine Frau in Deutschland […] ein deutscher Mann.“ Berichten Medien über Gewalt gegen Frauen, ausgeübt von nichtdeutschen Tätern, werden auffällig häufiger präventive politische Maßnahmen gefordert und die Gewalttaten eher strukturell eingeordnet. In der Konsequenz werde der Eindruck erweckt, „dass das Problem nur im Kontext von nichtdeutschen Tätern gelöst werden muss oder kann“, während man es bei deutschen Tätern mit Einzelfällen zu tun habe, für die es keinen politischen Handlungsbedarf gebe.

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Kapitalismus ohne Konsum ist wie Musik ohne Ton

Als Erfinderin des Massenkonsums und als Quelle breiten Wohlstands wird die kapitalistische Wirtschaftsweise von ihren Anhängern gelobt. Von ihren Kritikern wird ihr seit Karl Marx vorgeworfen, sie mache aus dem Menschen „ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen“, das wenig mehr zu verlieren habe als seine Ketten. Freiheiten, Fortschritte  und optionsreiche Lebensqualitäten sehen die einen, die anderen nehmen vor allem soziale Krisen und ökologische Katastrophen wahr. Werner Plumpe beschreibt Vergangenheit und Zukunft des Kapitalismus als „die Geschichte einer andauernden Revolution“ und seine Analyse gibt klugen Anhängern gegenüber simplen Anklägern recht, aber auch realitätstüchtiger Kritik gegenüber einseitiger Rechtfertigung.

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„Den meisten Menschen fehlt der Wegweiser“

Screenshot Spiegel-Online 06.07.2021, 13h

Mit Hilfe ihrer Öffentlichkeit informiert sich eine Gesellschaft über sich selbst. Diese Aufgabe übernimmt nicht alleine, aber vorrangig der Journalismus. Der Spiegel und sein Onlineportal gehören zum Premium-Journalismus Deutschlands. Andere, (noch) stärker auf Boulevardthemen ausgerichtete Nachrichten-Portale sind beispielsweise bild.de, focus.de, t-online.de Welches öffentliche Bild vermittelt die Spiegel-Redaktion am Dienstag, 6. Juli 2021, 13h? Mit welcher Themenauswahl erfüllt sie ihre Informations- und Orientierungsfunktion? Von oben nach unten und von links nach rechts durchgescrollt, sieht so – in Dachzeile plus Überschrift verdichtet – die Spiegel-Welt aus, in der wir leben.

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Eine Wirtschaft des Phantasierens, Ausprobierens und Abenteurertums

Der Historiker Werner Plumpe hat vor zwei Jahren ein Buch veröffentlicht, das uns hilft, die Gegenwart und ihre Potenziale besser zu verstehen. Das kalte Herz“ stellt die  immense Dynamik des kapitalistischen Wirtschaftssystems dar. Dessen Aufstieg fand in den Niederlanden und in England seit dem 17. Jahrhundert statt. Insbesondere in den Niederlanden funktionierte die evolutionäre Schrittfolge „Variation“, „Selektion“ und „Restabilisierung“ bereits nach eigenen Regeln. Es entwickelt sich eine Wirtschaft des Ausprobierens, Versuchens und gelegentlich des Abenteurertums.

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Aus dem Chuchichäschtli geplaudert

Screenshot Blick-Online vom 15. Juni 2021

Der Unterhaltungswert der Schweizer Öffentlichkeit rangiert nur knapp hinter der Mannschaftsstärke ihrer Volkswirtschaft, die gerade zur wettbewerbsfähigsten der Welt gekürt wurde. Die eidgenössische Fußballnationalmannschaft, „Nati“ genannt, steht, anders als die deutsche, im Viertelfinale der Europameisterschaft; hineingezittert ins Achtelfinale hatten sich beide. In einem offenen Brief an die Nation, an alle „lieben Schweizerinnen und Schweizer“, leistete Nati-Trainer Vladimir Petkovic vor dem „Spiel der letzten Chance“ gegen die Türkei und nach der 0:3 Niederlage gegen Italien eine Art Rütli-Schwur: „Wir wollten Euch eine magische Nacht schenken. Euch stolz machen auf uns und auf unsere Schweiz. Wir wollten Euch nach den vielen Entbehrungen der langen Zeit der Pandemie glücklich machen mit einem Sieg gegen Italien.“ In den Tagen zuvor kannten die Schweizer Medien vor allem ein Thema, die Figaro-Affäre. Die Tage danach sprechen für sich selbst.

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Boulevardfernsehen contra “Kinderprinz”

Der Anspruch ist nach Art des Hauses sehr selbstbewusst formuliert. Überall, wo etwas passiert, will „Bild“ für uns alle bald live dabei sein. Nicht mehr nur in der gedruckten Boulevard-Gazette „Bild“, nicht mehr nur im Netz auf „bild.de“, sondern spätestens im September, pünktlich zur Bundestagswahl in der Glotze. Mit einem eigenen TV-Kanal will der Boulevard-Spezialist den Deutschen ins Wohnzimmer und den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten auf die Pelle rücken.

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